Viktoria – jetzt nicht!

von der Personifikation einer Verletzung
Viktoria und die Bitte zu gehen

Der Tag an dem Viktoria geboren wurde, ist jetzt fast acht Monate her. Acht Monate ist eine lange Zeit. Wäre Viktoria ein Mensch und keine Verletzung hätte sie viele Achterbahnfahrten und auch viel Schönes erlebt.

Als Viktoria gerade vier Tage alt war und an meinem Bein hing, wie ein rohes Stück Fleisch an einem Haken – schlapp, haltlos und mit Blut gefüllt – was bereits verschiedene Aggregatzustände angenommen hatte, machten wir eine gefühlt dreißig Kilometer Wanderung durch die Klinik. Ein wenig erinnerte mich der Anblick an eine Person in einer Kletterhalle, die sich mal so spannungslos abseilen ließ, dass sie noch nicht mal die Füße unter Spannung hatte… Viktoria zog an meinem Bein und ich hatte vor lauter Schmerzen vergessen, wo ich jetzt eigentlich nochmal hin musste. Ich guckte fragend meine Begleitung an. Mit Viktoria am Bein, regungslos hängend, legten wir an diesem Tag viele Wege in der Klinik zurück. Viktoria es ist erstaunlich, wie lange du dich hältst. Wir waren in verschiedensten Ländern, haben viel gesehen, viel getrunken, viel gelacht und manchmal auch viel gelitten. Wir waren überglücklich unterwegs mit den besten Freunden, wir waren überglücklich, wenn wir beim Wettrennen im Rollstuhl durch den Wald mitmachten. Wir waren ein gutes Team um zu lernen, dass es klüger ist mit Menschen zusammenzuarbeiten, die einen unterstützen und weiterbringen möchten. Wir haben auch die Theaterarbeit wieder angefangen. Doch ohne Bewegungseinschränkungen und Schmerzen macht es mir so viel mehr Freude. Auf diese Freiheit freue ich mich sehr. Ich kann es auch nicht mehr hören, wenn nahtlos nach deinem Befinden gefragt wird.

„Und wie geht’s Dir? Wie geht’s Viktoria?“ sagt die 748 km entfernte Stimme am Telefon. Um kurze Zeit später festzustellen: „Hat Sie mal wieder gewonnen, ja?“ Viktoria du hast oft gewonnen. Viel zu oft. Oh, Viktoria manchmal bin ich kurz davor wahnsinnig zu werden. Vor allem, wenn du mich mal wieder daran erinnerst, wie gut es ist langsamer zu machen und das Atmen nicht zu vergessen, wenn der Schmerz in meinem Kopf ankommt. Viktoria ich sage „Danke“ und „Tschüss“. Ich habe viel gelernt, doch langsam ist auch mal Zeit, dass du gehen musst. Ich träume davon mich wieder frei bewegen zu können ohne andauernd an dich denken zu müssen. 

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