Ein privilegierteres Leben

Nele ist für ihr Medizinstudium nach Rumänien gezogen. Ein Land von dem sie vorab keine Vorstellungen hatte, nicht vom Leben und nicht vom Land an sich. Eine gute Voraussetzung, einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, wie sie selbst sagt: „Ich habe es als große Chance gesehen, komplett in ein neues Land zu gehen und auf mich alleine gestellt zu sein. Das wollte ich immer schon mal machen.“

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Die ersten zwei Wochen waren für sie noch anstrengend, doch bald fand sie neue Freunde in dem internationalen Medizinstudiengang. Auch ihre WG, die sie während dieser zwei Wochen alleine bewohnte, füllte sich mit weiteren Medizinstudenten. Die erste Herausforderung im neuen Land war und ist die Organisation im Studium. Alle relevanten und wichtigen Informationen werden über die sozialen Medien kommuniziert und auch sehr spontan geändert. „Professoren wissen teilweise selber nicht, wie es weitergeht. Man lernt flexibel zu sein und dass im Endeffekt auch immer irgendwie alles funktioniert.“

Die Hälfte der Studierenden an der medizinischen und pharmazeutischen Universität Târgu Mureș kommen aus aller Welt. In Neles Studiengang lernen fünf Nationalitäten zusammen. Die jungen MedizinerInnen kommen aus Afrika, Italien, Rumänien, Deutschland sowie Israel. Die Uni bietet neben dem medizinischen Schwerpunkt auch Studiengänge wie Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften an. Die internationalen Studiengänge sind jedoch auf Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie beschränkt. Sie starten jeweils zum Wintersemester. Schon 1990 hat die Universität bereits zweisprachige Studiengänge in rumänischer und ungarischer Sprache angeboten. Auf die Frage, was anders ist als ein Studium in Deutschland, sagt Nele ganz klar und lacht: „Die Autorität ist in Rumänien viel stärker. Man kann sich nicht selbst entfalten. Es wird gelernt, was vorgegeben wird. Das Studium ist verschult und Anwesenheitspflicht gibt’s überall. Es gibt einen Professor vor dem alle Angst haben.“ Unter den Studierenden gibt es außerdem mehr Zusammenhalt und eine gute Atmosphäre. Man trifft sich in Gruppen und lernt gemeinsam für die nächsten Prüfungen. „Ich musste auch erst mal verstehen, dass man sich nicht mit den anderen vergleichen muss und dass es hier eine ganz andere Lernatmosphäre gibt. Durch die wenige Konkurrenz ist die Stimmung in der Uni viel besser.“

Das verschulte System und die hohe Anwesenheitspflicht lässt wenig Raum, das Land und die Kultur kennenzulernen. Die Stadt Târgu Mureș (Neumarkt am Mieresch) liegt umgeben von Bergen und Wäldern im Siebenbürgen Land. Durch die historische Vergangenheit sprechen hier einige Menschen noch Deutsch. Viele sind auch interessiert daran, wieder Deutsch zu lernen, so wie kürzlich im Laden für Medizinprodukte, wie Nele mir erzählte. Die Verkäuferin hat ihr angeboten, gemeinsam voneinander Sprachen zu lernen. „Sie hat mir ihren Kontakt über Facebook gegeben und sagte, sie würde uns Kaffee kochen“, lacht Nele. „Und dann könnte ich ihr Deutsch beibringen und sie mir Rumänisch. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Leute hier viel offener.“

Rumänien ist der Europäischen Union 2007 unter Auflagen beigetreten. Zeitgleich mit dem Eintrittsdatum gründete sich eine Kommission, die die Fortschritte vor allem in der Justizreform und Korruptionsbekämpfung dokumentieren und bewerten soll. Rumänien hat durch den EU-Beitritt viele Vorteile gewonnen. Ärmere Länder werden durch die EU finanziell unterstützt und der Handel vereinfacht. 75% der rumänischen Exporte gehen mittlerweile in andere EU-Länder. „Das Land profitiert extrem von Europa. Vieles verändert sich, wodurch viel Neues und Modernes entsteht. Rumänien ist auf einem guten Weg, nur braucht es noch mehr Schwung in die richtige Richtung, damit die Vorteile auch endlich beim „Durchschnittsrumänen“ ankommen.“

Die Korruptionsbekämpfung wurde anfänglich durch den jetzigen EU-Vorsitz erneut diskutiert. Dem aktuellen Regierungschef und der sozialdemokratischen Partei PSD werden trügerische Machenschaften im hohen Maße vorgeworfen. Seit eineinhalb Jahren geht die Gesellschaft in Rumänien gegen Liviu Dragnea und die PSD auf die Straße. Neue Gesetze sollen die Korruption wieder endkriminalisieren und Amtsmissbrauch nur noch strafbar machen, wenn sichtbar ein Vorteil daraus hervorgegangen ist. Eine Demonstration im August letzten Jahres endete mit 450 verletzen Demonstranten. Diese Ausschreitungen verschärften die angespannte Lage und das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber ihrer Regierung zusätzlich. Sogar in der Uni, sagt Nele, gäbe es Zeichen von Korruption, auch wenn es da eher im kleineren Maße zu sehen sei. „Man kriegt schon Situationen mit oder erzählt, dass beispielsweise eine Studentin im letzten Semester eigentlich durch ihre Prüfungen gefallen war und am Ende doch bestanden hat, da ihre Eltern gute Kontakte zu einem Professor hatten. Als internationale Studentin ist die rumänische Korruption für mich aber schwer zu sehen. Manchmal denke ich auch, dass wir internationalen Studenten hier ein privilegierteres Leben haben. Wir können uns viel leisten, fahren oft Taxi und sind vom Staat hier gewollt.“

Nele sieht sich als angehende internationale Ärztin. Nach dem Studium möchte sie eine Zeit lang nach Frankreich gehen oder in ein anderes Land, das sie noch nicht kennt. Auf die Frage, ob sie denn auch überlegt, wieder nach Deutschland zu gehen um dort weiter zu studieren, bleibt ihre Aussage schwankend. Denn sowohl das internationale Studium als auch der Abschluss haben viele Vorteile, um später in ganz Europa arbeiten zu können.

 

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